Serpica Naro


Ein Glänzendes Beispiel für den produktionsorientierten Zugang zur Betrachtung der Schnittstelle zwischen Mode und Kunst ist  das Projekt Serpica Naro (http://www.serpicanaro.com/). Der Name ist ein Anagramm für San Precario, ein italienisches Projekt der Selbstorganisation  prekärer ArbeiterInnen und eine Gegeninformationsseite (http://www.precaria.org/). San Percario ist  Teil des Collettivo Chainworkers. 
Verärgert darüber, dass die Stadt Mailand den größten Teil des Kulturbudgets für den Salone del Mobile (Möbel-Designmesse) und die Modewoche ausgibt, wurde 2005 die virtuelle Modedesignerin Serpica Naro ins Leben gerufen. Es handelt sich dabei um den Avatar einer  japanisch-britische Designerin. Vonn vornherein wurde mit deren virtuellen Charakter gespielt indem Gerüchte, die Designerin würde nicht existieren, abwechselnd bestätigt und dementiert wurden. Die Fashionshow von Serpica Naro, die im offiziellen Programm zum Abschlusstag der  mailänder Modewoche angekündigt wurde, bekam große mediale Aufmerksamkeit. Der offizielle  Catwalk blieb bewusst leer und die Journalistinnen bekamen nur eine leere Bühne zu sehen. Anstatt dessen wurde im centro sociale Pergola eine alternative Modenschau gezeigt, in der die Probleme des Prekariats zur Sprache kamen. Die Wahl des Präsentationsortes wollte eine bewusste Abkehr von der etablierten Institution und deren Funktionsweise verdeutlichen.

2006 sicherte das italienische Modehaus Enrico Coveri den Namen Serpica Naro urheberrechtlich für den internationalen Raum. Die Rechte des Vereins waren bis dahin nur auf dem italienischen Boden gesichert worden. Als Reaktion darauf störten mehrere, als Superheldinnen verkleidete Frauen die Modenschau von Coveri.

Da das Brand angemeldet und urheberrechtlich gesichert werden musste, um bei der Modewoche mitzumachen, nutzt Serpica Naro den Brandnamen jetzt, um als open-source Brand zu agieren.

„At this event Serpica Naro condemned the conditions of precarious workers within Italian fashion industry and has been working since on the concept of open-source brand and empowerment concerning the subjectivity of workers in the creative industries.

Functioning as both a fictional individual and collective artist group, Serpica Naro mixes theory, practice, craftism and organization for events, workshops, exhibitions in various institutions and social spaces in Italy and abroad.  “ [1]

Open wear bedeutet in diesem Fall, dass es allen offen steht, den Brandnamen zu verwenden, wenn die Auflage erfüllt wird, dass in der Produktion, von der Entstehung der Einzelteile (Z.B. Stoff) bis zum Kleidungsstück, keine Ausbeutung von Arbeitskräften statt gefunden hat.
Obwohl der Ansatzpunkt ein engagierter ist, kann man einem solche Anspruch jedoch in der heutigen Gesellschaft so gut wie nicht mehr gerecht werden. Ausbeutung von Arbeitskraft ist so weit verstreut und die Produktionskette ist dermaßen schwer nachzuvollziehen geworden, dass das Konzept von „Clean Clothes“  ins Fadenkreuz der Kritik gerückt ist. Obendrein verwenden  große Konzerne Begriffe wie Clean Clothes und responsible Wear als Marketingstrategie, ohne dem Ansatz gerecht zu werden.

Weitere Aspekte auf denen die Arbeit gründet sind: der Austausch von Fertigkeiten, Wissen und Informationen. Kooperative Arbeitsweisen. Der Bezug auf „craftism“ betont auch eine anti-industrielle, Konsum kritische Haltung in der die Praxis des selber-Machens als wertvolles Mittel zur Destabilisierung gesellschaftlicher Determinanten angesehen wird.

Serpica Naro wird seitdem regelmäßig auf Kongresse zum Thema des Prekariats eingeladen.


Stitching through society 

[1] http://serpica.tumblr.com/Associazione