mehr zu postdramatischen Kriterien


Vor allem die Infragestellung der Rollenkategorien Spieler und Figur, die sich in der Person der DarstellerIn/PerformerIn manifestiert zeigt den Bruch zum klassischen Theater. Der/die SchauspielerIn wird zur DarstellerIn, zu eine/r ExpertIn des Alltags, die Untersuchungen an der Grenze von Wirklichkeit und Fiktion unternimmt, wobei die gewählten theatralen Formen wechseln und einer postmodernen Pluralität entsprechen. Eine besondere Spezifik dieser theatralen Kommunikation ist die Interaktion mit dem/der ZuschauerIn. Deren/dessen Präsenz wird aktiviert und in den theatralen Prozess integriert, wobei die aktuelle Begegnung eine Erfahrung repräsentiert und sich in einem potentiellen Handeln manifestieren kann. Dadurch entsteht das politische Kapital dieses Events, das sich nicht mehr nur durch die Wahl des Themas sondern auch durch die Wahl des Raumes entfalten kann.

Die Auswahl der Themen kann sich zwischen Fiktion und Dokument, also dem Infragestellen der Wahrheiten hinter dem offiziell Dokumentierten erschließen oder kann sich zwischen Fiktion und Biografie entwickeln, nämlich der scheinbaren Diskrepanz zwischen der Identität dem/der DarstellerIn und der Figur, in deren Namen er/sie spricht. So entwickelt sich auf der Suche nach den Stimmen in der Gesellschaft und durch radikale Selbstbeobachtung, diesem autobiografischen Element, der Inhalt des Geschehnisses, das oftmals zugleich in seiner Form seinen Ausdruck findet. In dieser Interaktion zwischen dem Ich und dem/der Anderen findet sich eine Rückkehr zum ältesten Drama der Menschheit: der Amivalenz zwischen sich selbst zu sein und gleichzeitig durch einen anderen bestimmt zu werden.

Es entsteht eine kollektive Kunstform, die einerseits zwischen KünstlerIn und ZuschauerIn stattfindet, aber auch bereits in der Entwicklung des Formates die klassische Hierarchie von RegisseurIn und SchauspielerIn, von TheatertechnikerIn und künstlerischem Personal aufhebt. In einem idealerweise gleichberechtigt organisierten Team wird das Stück, die Performance, die Aktion, der Abend, ect. vorbereitet und erarbeitet. Aber erst durch die körperliche Präsenz, die Interaktion mit dem/der KonsumentIn, die durch ihr/sein Mitagieren ebenfalls zur ProduzentIn wird entsteht das theatrale Event, wobei die Frage nach dem/der AutorIn obsolet wird.

Ein weiteres wichtiges und politisch zu verstehendes Moment des postdramatischen Theaters ist die Wahl des Ortes. Dieser ist nicht mehr auf den klassischen Theaterraum, die Bühne beschränkt. Einerseits kann diese vierte Wand durchbrochen werden, das Theater nähert sich also wieder seiner antiken Form an: die ZuschauerInnen sitzen, stehen, gehen oder liegen im Raum herum, das ganze Theaterhaus kann zur Bühne werden, zum Raum in dem geredet, gegessen, getrunken oder sogar geraucht werden kann und das sonst mit ehrfürchtigem Schweigen bedachte Geschehen auf der Bühne geschieht mittendrin oder wie nebenbei. Oder es werden neue Räume adaptiert und entsprechend der Thematik ausgewählt. Theaterproduktionen finden in Schlachthäusern, Tankstellen, U-Bahnhöfen, Schwimmbädern, usw., die für eine Produktion lang ihrer ursprünglichen Bestimmung entfremdet und umgewidmet werden, statt. Oder die TheatermacherInnen gehen überhaupt in den öffentlichen Raum und verlangen für ihre Kunst keine Eintrittskarten mehr. Jede/r der/die partizipieren will/kann ist eingeladen. In diesem Moment fallen die Schranken zwischen Theater und Aktion voll und ganz. Der Raum ist nicht mehr nur einem elitären Publikum zugänglich sondern das Theater, das vom Leben handelt, und dessen ProtagonistIn,  der ebenso öffentliche wie private Mensch ist, findet mitten im Leben statt.


Postdramatic Politics