Lola Arias & Compania postnuclear


Lola Arias arbeitet in ihren Performances als Schauspielerin, Sängerin, Autorin und Regisseurin. Ihre Texte entstehen aus dem Wunsch fremde Leben zu verstehen, sich einzumischen und die Welt zu begreifen. Sie basieren auf Biografien, realen Begebenheiten und Lola Arias beschreibt sie neu mit ihrem speziellen Blick. Sie beschäftigt sich mit der Beziehung zwischen Eltern und Kindern, die sie als Schnittpunkt von privater und offizieller Geschichte, als Rekonstruktion vergangener Ereignisse darstellt. Bekannt geworden ist sie mit ihrem Stück „mi vida despues“ (mein Leben danach):


Ausschnitte aus dem stück

Eine Gruppe 30jähriger, hineingeboren in die Militärdiktatur, recherchierten ihre Kindheit und stellten ihre eigenen Eltern und Verwandten in den Rollen, die sie zu Hause und draußen in der Gesellschaft übernommen hatten dar: die Spätfolgen werden sichtbar! In ihren Arbeiten stellen sich sehr klar die Bezüge zwischen persönlicher Biografie und gesellschaftlicher Realität und zwischen Geschichte und Gegenwart dar.


Interview mit lola arias

Ich habe ihre letzte Arbeit „Melancolia y manifestaciones“ bei den Wiener Festwochen 2012 gesehen. Hier analysiert sie die manische/depressive Krankheit ihrer Mutter. Es ist eine sehr persönliche Arbeit, entstanden aus dem Wunsch ihre Mutter zu verstehen, die aber gleichzeitig Symptome einer bestimmten politischen Zeit beschreibt. So steht diese eine Frau für viele Feministinnen, die den Geist zur Rebellion hatten, aber nicht die Kraft sie auch zu leben. Lola lässt ihre Mutter zu Wort kommen, aus den Lautsprechern tönt ihre Stimme und eine fremde Schauspielerin verleiht ihrem Körper Gestalt. Sie rekapituliert ihr Leben in kurzen Akten und versucht ihre Depression, die während des Militärputsches 1976 und zeitgleich mit Lolas Geburt ausbrach, in Worte zu fassen. Dokumentarische, fragmentierte Videoaufnahmen rahmen das Bühnengeschehen ein. 


Melancholia y Manifestaciones

Lola Arias sucht Verbindungen zwischen den gesellschaftlichen Zuständen und den Einzelschicksalen und fragt sich ob die Krankheit ihrer Mutter vielleicht eine politische Reaktion war: eine innere Emigration, ein Eingehen an Stelle eines Aufbegehrens. Dieses Aufbegehren gibt sie dann in die Hände von LaiendarstellerInnen, die als StatistInnen, RequisiteurInnen und BühnenarbeiterInnen das Geschehen auf der Bühne mitgestalteten. Sie brechen aus ihren Rollen aus, sie holen sich Mikrophone und begehren auf. Es sind alte Menschen, die Lola Arias auf den Straßen Buenos Aires gefunden hat, wo sie sich wöchentlich zu Demonstrationen vor dem Parlament versammeln und nicht nur höhere Pensionen sondern mit eindringlichen und ergreifenden Worten auch ihre Menschlichkeit und Würde, einen gleichwertigen Platz in der Gesellschaft zurückfordern.


Melancholia y Manifestaciones


vor einem Jahr habe ich im Brut Wien im Rahmen der Reihe Erbgut das Stück „the enemy within“ gesehen, das Konzept für dieses Stück hat Lola Arias mit dem eineiigen Zwillingspaar Esther und Anna Becker erarbeitet und vor Ort noch drei Wiener Zwillingspaare dazu gefunden. Auch hier geht es um den Grenzbereich von Realität und Fiktion, was wäre wenn! Die Zwillinge scheinen auf den ersten Anblick nicht zu unterscheiden. Doch im Laufe des Abends spielen und erzählen die beiden von ihren verschiedenen Leben, ihren Abgrenzungsversuchen, ihrer Sehnsucht nach Individualität und ihrer Sehnsucht nach dem stets fehlenden zweiten „Ich“. In ihren Lebensgeschichten wird die Kraft der Sozialisation sichtbar. Die beiden unterschiedlichen Charaktere werden immer körperlicher, bis es mir am Schluss unmöglich schien sie nicht auseinander halten zu können.


the enemy within

Für „Airport kid“ arbeitete sie mit Stefan Kaegi von „Rimini Protokoll“ zusammen. Sie holten 9 moderne Nomandenkinder zwischen 7 und 13 Jahren, die aus Ländern von Marokko bis Irland, von China bis Angola und Indien bis Brasilien stammen und deren Eltern für Firmen wie Nestle oder Philipp Morris arbeiten, auf die Bühne, wo sie sich in einem Hangar ihre eigenen mobilen Höhlen bauen und aus ihren Leben plaudern: Die Spiegelung der erwachsenen Welt im kindlichen Blick.


Airport kids

Ihre Trilogie „Striptease, Revolver-Traum, Die Liebe ist ein Heckenschütze“ war in der Orginalaufführung der Compania postnuclear, wo sie mit Alejo Moguillansky in Doppelregie zusammenarbeitete, beim steirischen Herbst zu sehen. Sie beginnt mit einem Blick in eine postnukukleare apokalyptische Zukunft. in der Gegenwart sehen wir ein Paar, das sich gerade getrennt hat während ihre kleine Tochter auf der Bühne rumkrabbelt, schläft, isst und lebt. Der letzte Teil geht in die Vergangenheit und wir erleben eine elfjährige, die ein russisches Roulettspiel moderiert.
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Striptease


Lola Arias ist meines Erachtens ein gutes Beispiel für eine postdramatischen Theatermacherin, die das Leben von der Straße in den Theaterraum holt. Ihre Arbeiten sind berührend weil sie persönlich sind. Sie schafft es politischen Themen ein menschliches Gesicht zu verleihen. Sie arbeitet spartenübergreifend, mit unterschiedlichen Medien, in unterschiedlichen Positionen, sie greift aktuelle gesellschaftspolitische Themen auf und gründete mit unterschiedlichen KünstlerInnen das interdisziplinäre Kollektiv „Compania postnuclear“. Aufgrund der fehlenden Subventionen kann sich in Argentinien aber keine Off-Theater-Gruppe stabil halten, so treffen die Mitglieder immer wieder zusammen um dann auch wieder eigener Wege zu gehen um sich ihre Existenzen zu sichern.